Diskurs Soziale Lage

Die soziale und wirtschaftliche Lage der Tanz- und Theaterschaffenden ist eines der wichtigsten Themen des BFDK. Die meisten Künstler*innen verfügen heute über einen Hochschulabschluss, sie sind hochqualifiziert. Sie haben spezifische künstlerische Fähigkeiten und Fertigkeiten erworben und damit die persönliche Grundlage für ein erfolgreiches Berufsleben gelegt. Trotz ihrer hohen Qualifikation verfügen sie aber oft nur über ein bescheidenes Einkommen und arbeiten unter risikoreichen Bedingungen.

Selbstständige oder befristet angestellte Künstler*innen gelten seit Ende der 80er-Jahre auf den expandierenden Arbeitsmärkten von Dienstleistungen, Medien, Wissenschaft sowie Kultur und Kunst als Prototypen neuer Selbst- und Einzelunternehmer*innen. Sie zeichnen sich durch Flexibilität, Mobilität, Parallelarbeit und ein hohes Maß an Risikobereitschaft aus, können sich aber nur behaupten, wenn sie über ihre berufliche Qualifikation hinaus Zusatzkompetenzen wie Selbstvermarktungs- und Selbstorganisationsfähigkeiten entwickeln.

Freie Künstler*innen und Kulturschaffenden arbeiten vorwiegend projektbezogen. Ihre Arbeit ist von einem hohen Grad an Selbstbestimmung in Bezug auf Gegenstand, Arbeitsweise und Arbeitskonstellationen geprägt. Die Ausübung ihrer künstlerischen Praxis erfolgt hauptberuflich und ist Arbeits- und Lebensmittelpunkt.

Die Mehrzahl der Akteur*innen sind nicht marktwirtschaftlich orientierte Einzelunternehmerinnen und Einzelunternehmer. Solo-Selbständigkeit und kurzfristige Beschäftigung sind die vorherrschenden Erwerbsformen. Bei vielen Kunst- und Kulturschaffenden wechseln diese Erwerbsformen häufig. Dieser hybride Erwerbsstatus entspricht der selbst gewählten, zumeist projektbezogenen Arbeitsweise. Anders als bei einem Großteil der Erwerbstätigen in Deutschland ist die Erwerbsform der unbefristeten, sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nicht das angestrebte Arbeitsmodell, es widerspricht häufig der künstlerischen Praxis der Freien Szene.

Die bestehenden Sozialsysteme sind auf selbstgewählte, flexible Arbeitsformen unzureichend eingestellt. Die Kunst- und Kulturschaffenden sind mit einer Vielzahl systemischer Hürden und hohem bürokratischen Aufwand konfrontiert. Der erfreulicherweise eingeführte gesetzliche Mindestlohn greift im Bereich der Freien Künste nicht. Es gibt keine Tarifpartner, die ihre jeweiligen Interessen miteinander aushandeln und die von zahlreichen Verbänden empfohlenen Honorarstandards sind nicht verbindlich. Trotz erfolgreicher und hoch professioneller Arbeit bewegt sich eine Vielzahl der privatrechtlich organisierten Kunst- und Kulturschaffenden im unteren Einkommensbereich. Eine angemessene Altersvorsorge ist flächendeckend nicht möglich und dem Großteil der Akteur*innen droht eine systembedingte Altersarmut.

Obwohl die Freien Künste in erheblichem Maße zur kulturellen Grundversorgung beitragen, erhalten sie lediglich einen Bruchteil der öffentlichen Förderung. Die von den Verbänden empfohlenen Honorarstandards kommen im Bereich der öffentlichen Förderung weitgehend nicht zur Anwendung. Auch fehlt eine Ausdifferenzierung der Fördersysteme.

Diese Situation muss sich ändern! Es ist an der Zeit, dass die Politik soziale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen schafft, die der Leistung der Freien Künste und ihrem Anteil an der Kunst- und Kulturproduktion in Deutschland gerecht werden. Eine kontinuierliche Erwerbsbiografie muss – jenseits des Modells der Festanstellung – möglich sein.

Der Bundesverband Freie Darstellende Künste hat aus diesem Grund sowohl die Empfehlung einer Honoraruntergrenze ausgesprochen als auch die Allianz der Freien Künste initiiert, die sich z. B. für die Stärkung der Künstlersozialkasse, adäquate Arbeitslosengeld-, Elterngeld- und Mutterschutzregelungen sowie für angepasste rechtliche Grundlagen bezüglich Solo-Selbstständigkeit einsetzt.

Die Delegiertenversammlung des Bundesverband Freie Darstellende Künste hat daher auf ihrer Versammlung am 14. Oktober 2015 in Hamburg erstmals zum Thema Mindesthonorare Stellung genommen und im Ergebnis einstimmig eine entsprechende Empfehlung verabschiedet:  Beschluss der BFDK-Delegiertenversammlung zur Honoraruntergrenze vom 14.10.2015 (PDF).

Zusammen mit dem Fonds Darstellende Künste hat der BFDK eine groß angelegte Studie zur sozialen Lage freier Tanz- und Theaterschaffenden durchgeführt. Die Ergebnisse flossen ein in den „Report Darstellende Künste“ (2008) sowie in ein zweitägiges Symposium.

Auch im Rahmen der regelmäßig stattfindenden statistischen Erhebungen des BFDK  sind Aussagen basierend auf validen statistischen Daten möglich.

Die Künstlersozialkasse veröffentlicht ebenfalls regelmäßig die durchschnittlichen Einkommen der Versicherten. Die Übersicht findet man hier: http://www.kuenstlersozialkasse.de/service/ksk-in-zahlen.html

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