EAIPA: Einladung zum Dialog – Chancen für die Freie Szene in Europa

EAIPA reagiert auf kulturpolitische Entscheidungsprozesse in Europa, sammelt wesentliche Informationen über den Sektor, initiiert neue politische Vorschläge und verstärkt die Sichtbarkeit der Bedürfnisse und Leistungen des Sektors. Ein Vergleich zwischen den nationalen und internationalen Auswirkungen der COVID-19-Regierungsmaßnahmen auf den künstlerischen Sektor lässt bei den Mitgliedern des Dachverbands EAIPA tiefe Besorgnis über die Situation der freien Szene entstehen.

Die freien darstellenden Künste sind ein wichtiger Teil der nationalen und europäischen Kulturlandschaft, der kontinuierlich relevante zeitgenössische Kunstformen und -inhalte produziert und entwickelt. Ein wesentlicher Aspekt des Sektors ist die inhärente kulturelle Vielfalt, weshalb er einen der Schlüsselaspekte unseres gesellschaftlichen Lebens darstellt. Diese Vielfalt zu fördern und zu pflegen bedeutet auch, die Zugehörigkeit zu einem vereinten Europa, wie es von der Europäischen Kommission skizziert wurde, zu stärken. Daher sollte eine ausreichende Finanzierung des Sektors sowohl auf der politischen Agenda der EU als auch auf den jeweiligen nationalen Ebenen Priorität haben. 

Seit ihren Anfängen in den 70er Jahren arbeitet die freie Szene international und dezentralisiert. Seither liegt der Schwerpunkt auf der Entwicklung alternativer Arbeits- und Produktionsweisen, auf demokratischen und sozial nachhaltigen Arbeitsmethoden und auf der Erforschung neuer Ästhetiken. Sie befasst sich auch mit Themenschwerpunkten und kulturellen Bedürfnissen von Minderheiten, um eine breite kulturelle Partizipation zu ermöglichen. Bereits sehr früh war der Bereich der freien darstellenden Künste ein zivilgesellschaftliches Projekt, eine komplementäre Bewegung zu den staatlichen Organisationen und ein freischaffendes Projekt – selbstorganisiert, selbstbeauftragt und selbstverpflichtet.

Die freie Szene findet in einigen europäischen Ländern – z. B. in Deutschland – bereits Anerkennung als »zweite Säule« der Kultur, entsprechend ihrer Wirkung und ihren Zahlen. In der freien Szene arbeiten viele aufstrebende und qualifizierte Künstler*innen selbstbestimmt und aus Überzeugung. Die freie Szene muss geschützt werden, da sie nicht nur ein Labor für progressive Arbeit ist, in dem ständig neue Methoden und neue künstlerische Formate entwickelt werden, sondern auch einen großartigen Forschungssektor für die zukünftige Entwicklung einer partizipatorischen und sozial nachhaltigen Kunst und Kultur darstellt. 

Seit die COVID-19-Krise unsere Leben erfasst hat, bemerken wir die Angreifbarkeit und die Prekarität unseres Sektors umso deutlicher. Die Menschen, die in diesem Sektor arbeiten, haben nicht genug Ersparnisse, um diese Krise zu überstehen. Viele von ihnen leben von der Hand in den Mund, sind angewiesen auf das Einkommen, das durch jede einzelne Performance und jedes einzelne Projekt eingebracht wird. Innerhalb nur weniger Wochen hat sich diese Einkommensbasis verflüchtigt und die strukturelle Instabilität des Sektors noch offensichtlicher gemacht. 

Unter Berücksichtigung dieser Tatsachen haben wir die wichtigsten Probleme identifiziert, die sofort angegangen werden müssen. Langfristig ist es jedoch notwendig, den gesamten Sektor nachhaltig zu stabilisieren. Der Fokus der Förderprogramme sollte auf die einzelnen Künstler*innen sowie auf deren Produktionsstrukturen und Präsentationsmöglichkeiten gerichtet sein. Künstlerisches Arbeiten muss in der gesamten Gesellschaft spürbar sein. Zugänglichkeit und kluge Vermittlung wird Menschen anregen und inspirieren, sich für die Vielfalt von Formaten, Methoden und künstlerischen Ideen zu interessieren.   

Konkret bedeutet das:

  • Für den Sektor der freien darstellenden Künste wird es von entscheidender Bedeutung sein, die Mittel für das Jahr 2021 und darüber hinaus nicht zu kürzen, auch wenn für 2020 geplante und genehmigte Projekte verschoben oder verlängert werden müssen. Künstlerische Arbeit muss fortgeführt und ausgeweitet werden, da Kunst für die soziale Gesundheit und Sicherheit der Gesellschaft wesentlich ist.
  • Wir ermutigen die Fördergeber_innen, Mittel nicht zu kürzen, und fordern sie stattdessen auf, die Mittel und Investitionen in Kunstschaffende und künstlerische Produktionen zu erhöhen. So wird auch das Vertrauen des Publikums aufgebaut, damit Veranstaltungen wieder besucht und mitgetragen werden. Auf lange Sicht wird dies auch die Publikumsbindung verstärken.
  • Die Wiederherstellung der transnationalen Zusammenarbeit und gemeinsamer künstlerischer Projekte und die Mobilität der_des Einzelne_n ist zentral für die freie Szene und wird dazu beitragen, nationale Tendenzen zu überwinden, die in den letzten Monaten zu beobachten waren.
  • Wir empfehlen nachdrücklich die Neuformulierung der derzeitigen Fördersysteme und der dazugehörigen Vertragsformen. Ziel muss sein, dass Kunstschaffende ebenso ein Recht auf Zugang zu Sozialleistungen wie Arbeitslosenunterstützung und allen anderen Instrumenten erhalten, wie dies Menschen in üblichen Beschäftigungsstrukturen möglich ist.
  • Wir fordern, dass Bund, Länder, Gemeinden, öffentlich finanzierte Theater und Veranstaltungsorte (laufende) Verträge / Finanzierungsvereinbarungen / genehmigte Förderungen / etc. einhalten. Sie sollten verpflichtet werden, vereinbarte Honorare auszuzahlen und ihren Koproduktionsverpflichtungen nachzukommen, damit das Risiko nicht auf die freischaffenden Künstler_innen abgewälzt wird. Solche Risiken sind in Zukunft unter allen Umständen zu vermeiden und neue Förderverträge sollten entsprechend gestaltet werden.
  • Die Plattform des Europäischen Dachverbands bietet die Möglichkeit, einen Dialog mit allen Verantwortlichen zu beginnen, um Erfahrungen auszutauschen – sowohl positive als auch negative –, um Instrumente zu entwickeln, die helfen, die freie Szene langfristig abzusichern.

Nehmen wir den Dialog wieder auf, um die »zweite Säule der Kultur«, die freien darstellenden Künste, während der Krise und darüber hinaus nachhaltig zu sichern! 

Der Dachverband European Association of Independent Performing Arts vertritt den Sektor der freien darstellenden Künste von derzeit 14 europäischen Ländern. Der Dachverband EAIPA wurde im September 2018 gegründet. EAIPA ist auf der B2B-Ebene tätig. Mitglieder sind Interessensgemeinschaften oder Vertreter*innen der Akteur_innen aus dem Bereich der freien darstellenden Künste in den einzelnen Mitgliedsländern. Der Sektor der freien darstellenden Künste umfasst alle professionellen freiberuflichen Theaterschaffenden, künstlerischen Ensembles, unabhängigen Institutionen und Organisationen, die in den Genres Tanz, Theater, Performance, Musik, Kinder- und Jugendtheater sowie in der gesamten inter- und transdisziplinären künstlerischen Arbeit in Europa tätig sind. 

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