Der Standard Wien: Was bedeutet die Pandemie für den Theaternachwuchs?

Bald steht der zweite »Corona-Jahrgang« am Start. Doch an den Theatern herrscht Sendepause. Wie es weitergeht, ist offen. Auch die längerfristige Perspektive scheint vage. Was erwartet den Theaternachwuchs in einem Berufsfeld, das womöglich auf dürre Zeiten zusteuert?

Klaus Dörr, soeben wegen MeToo-Vorwürfen vom Chefposten an der Berliner Volksbühne zurückgetreten, hat den Teufel bereits an die Wand gemalt: Das Theaterpersonal werde ausdünnen. Dörr prophezeit in einem dpa-Interview, dass bis zu einem Fünftel aller Theaterschaffenden sich künftig andere Jobs suchen werden (müssen). Und selbst Optimisten gestehen ein, dass der Betrieb den Höchststand an Produktivität nicht wird weiterführen können. »Die Theater hätten schon längst auf die Bremse treten müssen«, so Dörr. Auch Festwochen-Chef Christophe Slagmuylder plädierte kürzlich für nachhaltigere Produktionsabläufe.

Werden die Absolventen in den Pandemiejahren also untergehen? »Die Prognose ist deprimierend, wenn sich nicht schlagartig etwas ändert«, sagt Maria Happel, Burgschauspielerin und Leiterin des Max-Reinhardt-Seminars in Wien. Gerade für Schauspielabsolventen wäre es wichtig, sich zu zeigen. Das können sie derzeit nicht. Es gab kein Intendantenvorspiel.

Alles greift ineinander: Wenn aufgrund der Ungewissheit keine Herbstspielpläne erstellt werden können, dann können auch keine Engagements vergeben werden. Und wenn doch, dann werden diese, wie Happel moniert, derzeit eher nach pragmatischen Gesichtspunkten vergeben, also an Examinanden vor Ort. »Das verengt den Blick!«

Johanna Mahaffy ist eine der diesjährigen Absolventinnen. Die Noch-Reinhardt-Seminaristin hat bereits in der Burgtheater-Produktion Stolz und Vorurteil* (*oder so) gespielt. Ihr Ziel war es, nach dem Abschluss ein Fixengagement anzutreten. Aber: »Ich muss da jetzt umdenken.« Auf ihre Bewerbungen hieß es oft, es gebe »Corona-bedingt derzeit keine Neuengagements«. Ein Trend könnte also sein, dass Absolventen zunehmend in die freie Szene ausweichen. Der freie Sektor ist, was die pandemische Reaktionsgeschwindigkeit betrifft, wendiger.

Selbst Zusagen wurden wieder zurückgezogen, sagt Mahaffy. Manche Kommilitonen würden ihre Berufsaussichten bereits hinterfragen. Denn wie wird Theater in den nächsten Spielzeiten beschaffen sein? Werden Nähe und Begegnungen im gewohnten Ausmaß überhaupt wieder möglich sein? Virusmutationen könnten einen Strich durch die Rechnung machen.

Was also tun? Ein weiterer Trend zeichnet sich ab: weg vom Theater und hin zu Kino- und Fernseharbeit. Auch Mahaffy hat bereits eine Serie abgedreht (Euer Ehren) und steht derzeit für Corsage von Marie Kreutzer vor der Kamera. Dennoch besteht die Angst, dass auf Nachwuchsschauspieler vergessen wird.

Den Trend zur freien Szene und den zum Filmschaffen bestätigt auch Holger Zebu Kluth, Rektor der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Die renommierte Ausbildungsstätte in Berlin hat bei Direktengagements traditionell eine hohe Rate, und diese sei auch heuer nicht so schlecht, so Kluth. Ein Abschlussvorspiel für Intendanten und Dramaturgen konnte an der Busch nämlich stattfinden.

Aber beim Regielehrgang im vierten Jahr sieht es anders aus. »Die haben noch nicht angefangen zu arbeiten, obwohl sie es längst sollten«, so Kluth. Es sei derzeit nicht möglich, die Abschlussarbeiten zu machen. Je länger aber alles stillsteht, umso größer wird die Angst, weiß der Rektor, der auch Positives verzeichnet: Das politische Bewusstsein für Gleichstellung und Diversität hat sich durch die Pandemie bei den Studierenden gestärkt. Deshalb lehnen viele hierarchische Strukturen ab, wie sie die Stadttheater repräsentieren, und wollen dort gar nicht mehr hin, sondern sich im freischaffenden Bereich entwickeln.

Hier wiederum hinke die Uni noch hinterher, so Kluth selbstkritisch. Es sollte längst Ausbildungsschwerpunkte für Soloselbstständige im Theater geben: Wie bekomme ich Fördermittel, wie versichere ich mich, wie kann ich als EPU am Kunstmarkt existieren? Kluth: »Ich beobachte, dass Studierende nicht mehr nur für ein Berufsfeld offen sind. Berlin ist etwa ein Netflix-Drehort par excellence geworden. Es muss also nicht die Theaterbühne sein.« Auch der Digitalisierungsschub sollte sich in den Lehrplänen schnellstmöglich niederschlagen. (Der Standard, Margarete Affenzeller, 18.3.2021)

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